Jeder Mensch ist ein Kunstwerk das unabdinglich seiner Vollendung zustrebt

Zwei Künstler haben die Idee dieses Ortes geprägt und inspiriert. Joseph Beuys und Olafur Eliasson.

Der Mensch und die Kunst

Kreativität und Kunst leben in jedem Menschen. Joseph Beuys hat das vor Jahrzehnten formuliert und es hat nichts von seiner Gültigkeit verloren. Olafur Eliasson hat den Gedanken weitergetragen, in die Gegenwart, in den Raum, in die Wahrnehmung jedes Einzelnen. Barranco Spirit baut auf beiden auf. Nicht als Kopie, nicht als Hommage. Als eigenständiges Kunstprojekt, das ihre Ideen in einem Abgelegnen Tal in Portugal verankert und weiterdenkt.

Joseph Beuys über den erweiterten Kunstbegriff

Der erweiterte Kunstbegriff ist die übergeordnete geistige Referenz dieses Projekts. Er befreit die Kunst vom Objekt und gibt sie zurück an den Prozess, an die Gesellschaft, an jeden einzelnen Menschen. Kunst ist nicht das Gemälde an der Wand. Kunst ist der Moment, in dem ein Mensch beginnt, seine Umgebung bewusst zu gestalten. Ein Gespräch kann Kunst sein. Die Arbeit am Boden kann Kunst sein. Die Art, wie eine Gemeinschaft miteinander umgeht, kann Kunst sein. Beuys nannte das die soziale Plastik: Gesellschaft als formbares Material, das durch Kreativität geformt wird. Barranco Spirit bedeutet ist der Ort, auf dem Kunst stattfindet. Er ist selbst Teil des Werks. Licht, Tiere, Pflanzen, Winde, Jahreszeiten, alles wirkt mit. Jeder Mensch, der kommt, gestaltet mit. Die Kreativität des Einzelnen, als individueller Auslass des universellen Ganzen, ist der höchste schöpferische Ausdruck. Was Beuys beschrieben hat, ist zeitlos. Es ist individuell und universell anwendbar.

„Die Kunst ist die einzige evolutionäre Kraft. Das heißt, nur aus der Kreativität des Menschen heraus können sich die Verhältnisse ändern."
Joseph Beuys | Zitat

Olafur Elliasson über nachhaltige Zukünfte

Eliasson legt die Transformation in die Hände des Betrachters. Der Künstler tritt hinter das Werk. Was zählt, ist nicht die Absicht, sondern was im Menschen geschieht, der dem Werk begegnet. Seine Arbeiten machen Naturphänomene erfahrbar. Licht, Farbe, Nebel, Temperatur werden so in den Raum gebracht, dass die eigene Wahrnehmung sichtbar wird. Wahrnehmung ist für Eliasson kein privater Akt. Sie ist ein sozialer, ökologischer und politischer Prozess. Er lädt Menschen ein, Handlungsräume zu betreten. Räume, die nicht angeschaut, sondern erlebt werden. Im Barranco geschieht das auf Terrassen aus Stein und Erde, in der Wildnis zwischen Pflanzen und Tieren, unter Korkeichen, in der Stille eines Tals, das keine Absicht hat. Eliassons Arbeit endet nicht bei der individuellen Wahrnehmung. Mit Future Assembly, einem Projekt für die Biennale di Venezia 2021, stellte sein Studio Other Spaces die Frage, wie eine Versammlung aussehen könnte, die nicht nur Menschen vertritt. Fünfzig lebende und nichtlebende Teilnehmer, Pilze, Flusssteine, Baumstämme, Fledermäuse, kamen zusammen auf einer Weltkarte aus recyceltem Ozeanplastik. Die Rechte von Bäumen, Mineralien, Flüssen wurden verhandelt wie die von Nationen. Der Gedanke dahinter ist radikal einfach: Wir sind nicht die Einzigen und es geht nicht nur um uns.

„We must attempt to dissolve the boundaries of our individual existences and recognise our many entanglements with all living and nonliving entities. In doing so, we can forge a collective space to explore sustainable, more-than-human futures – a space for Future Assemblies."
Olafur Elliasson | Zitat

Christoph Lukas & Petra Lorber über die Philosophie von Barranco Spirit

Wir leben in einer Zeit, in der die Erfahrung der Getrenntheit immer stärker wird. Zwischen Menschen, zwischen Menschen und Natur, zwischen uns und unserem eigenen Kern. Unsere Wahrnehmung ist filternd. Emotionen, Gedanken, gesellschaftliche Muster verfärben, was wir sehen. Aus dieser Illusion der Trennung entstehen Leid und der Verlust von Empathie. Barranco Spirit existiert, um einen Raum zu schaffen, in dem diese Trennung aufgelöst werden kann.

„Für mich geht es im Kern um Verbundenheit. Die Rückkehr in eine natürliche, soziale und geistige Einbettung. Die Erkenntnis, dass Mensch, Natur und Welt kein Nebeneinander sind, sondern ein komplexes, miteinander verschränktes Ganzes. Wahrnehmung ist kein isolierter Akt. Sie ist ein sozialer, ökologischer und politischer Prozess. Wahrhafte Veränderung wird nur möglich, wenn wir diese Verflechtungen mit allem Lebendigen und Unlebendigen erkennen. Der Ort ist ein koexistenter Partner. Licht, Tiere, Pflanzen, Winde, Geräusche, Jahreszeiten, alles wirkt mit. Das Werk entsteht als Dialog und Symbiose zwischen Menschen, Natur und Bewusstsein."

Petra Lorber | Zitat

„Die Kreativität des Menschen, als individueller Auslass des universellen Ganzen, ist sein höchster schöpferischer Ausdruck. Was Beuys beschrieben hat, ist absolut zeitlos, individuell und universell jederzeit anwendbar. Darum geht es immer um Freiheit. Der erweiterte Kunstbegriff ermöglicht es, völlig frei zu handeln, jederzeit. Somit entzieht sich das Projekt jeder schematisierten Einordnung. Es geht mir nicht nur um spirituelle oder intellektuelle Auseinandersetzung, sondern um greifbare, mögliche, transformative Bewusstwerdung, die im täglichen Leben gewahr bleibt. In der zwischenmenschlichen Interaktion und in der Lehre, im gemeinschaftlichen Austausch, liegt der entscheidende Faktor für die Transformation hin zur Einheitserkenntnis des Menschen zwischen körperlicher Existenz und wahrer Identität."

Christoph Lukas | Zitat

Abschließende Worte

Was hier entsteht, ist ein ortsspezifisches, prozessorientiertes Kunstprojekt. Eine sensible Sphäre, in der Menschen das Material sind, Natur der gestaltende Partner ist, der Körper das Werkzeug der Selbsterfahrung und Bewusstsein das Medium, das alles verbindet.